Orte des lebenslangen Lernens

Vereine, Stiftungen und Co.

Policy Paper – Ausgabe 1

  • Demografischer Wandel und Digitalisierung erfordern lebenslanges Lernen von allen Altersgruppen. Zivilgesellschaft bietet hierfür vielfältige Lern- und Qualifizierungsangebote.
  • Besonders Organisationen, die von ehrenamtlichem Engagement getragen werden, richten sich mit ihren Angeboten an alle Alters- und Herkunftsgruppen.
  • Zivilgesellschaftliche Akteure werden selten in Bildungslandschaften vor Ort eingebunden, wodurch das Potenzial für das lebenslange Lernen noch nicht ausgeschöpft wird.
  • Die Rahmenbedingungen der Organisationen müssen verbessert und Forschung zu Bildungsengagement stärker gefördert werden.

 

Lebenslanges Lernen wird immer wichtiger

Lebenslanges Lernen ist in unserer heutigen Gesellschaft ein zentraler Aspekt der gesellschaftlichen Integration und der Teilhabe. Digitalisierung und demografischer Wandel verstärken dies noch. Durch die digitale Transformation ändern sich die Anforderungen in Beruf und Alltag beständig.

Um auch Menschen im Ruhestand eine aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, muss es in einer alternden Gesellschaft deshalb Bildungsangebote für alle Altersgruppen geben. Sie brauchen Gelegenheiten, sich auch nach dem Verlassen des staatlichen (Aus-) Bildungssystems solche Future Skills anzueignen. Dies ist grundlegend für demokratische und soziale Teilhabe in einer digitalen Gesellschaft und macht lebenslanges Lernen zu einem politisch relevanten Thema.

 

Zivilgesellschaft reagiert auf Bedürfnisse

Engagement für Bildung boomt
Diese Relevanz spiegelt sich auch in der Zivilgesellschaft wider. Das zeigen sowohl der Freiwilligensurvey als auch der ZiviZ-Survey: 13 Prozent der deutschen Bevölkerung engagieren sich in einem Bildungskontext. Gleichzeitig arbeitet knapp ein Fünftel (19 Prozent) der gemeinnützigen Organisationen in Deutschland in engerem Sinne im  Bildungsbereich. Sie bieten zum Beispiel Weiterbildungen an, sind Träger oder Fördervereine von Bildungseinrichtungen. Die hohe gesellschaftliche Bedeutung von Bildung spiegelt sich auch darin wider, dass Bildung das Handlungsfeld bürgerschaftlichen Engagements mit dem größten Zuwachs ist.

Vereine sind zentrale Bildungsakteure
Einen Bildungsbezug im weiteren Sinne hat sogar fast die Hälfte aller Organisationen (47 Prozent). Das sind zum Beispiel Umweltorganisationen, die sich meist selbst nicht als Bildungsorganisationen definieren, aber diverse Umweltbildungsangebote machen. Hervorzuheben sind neben den Stiftungen auch die Vereine, die sich als wichtige Bildungsakteure etabliert haben. Sie machen heute 94 Prozent der gemeinnützigen Organisationen im Bildungsbereich aus. Damit stehen den rund 10.000 Bildungsstiftungen etwa 280.000 Vereine mit Bildungsbezug gegenüber.

Die Vereinslandschaft ist jedoch zweigeteilt: Der größere Teil der Vereine arbeitet weiterhin hauptsächlich auf rein ehrenamtlicher Basis, während sich ein kleinerer Teil der Vereine professionalisiert hat. Dies lässt sich vor allem an der Zahl ihrer bezahlten Beschäftigten sowie ihrer Einnahmenhöhe ablesen. Diese professionalisiert arbeitenden Vereine ähneln damit in der Art ihrer Arbeit gemeinnützigen GmbHs oder großen Bildungsstiftungen.

 

Dennoch kaum als Bildungsakteure wahrgenommen

Obwohl sich zivilgesellschaftliche Organisationen immer stärker im Bildungsbereich engagieren, werden sie selten als Bildungsakteure wahrgenommen. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass bisher nur wenige Organisationen mit öffentlichen Bildungseinrichtungen kooperieren und sie auch nur selten in Bildungslandschaften eingebunden sind.

Wenig Kooperation mit öffentlichen Partnern
Nur 38 Prozent der gemeinnützigen Organisationen geben an, mit Kommunen oder Kommunalverwaltungen zu kooperieren und nur 41 Prozent der Organisationen arbeiten mit öffentlichen Bildungseinrichtungen zusammen. Immerhin 57 Prozent der Organisationen kooperieren mit Schulen. Die Zweiteilung der Organisationen, in ehrenamtlich und professionalisiert arbeitende, wirkt sich auch auf die Zusammenarbeit mit öffentlichen Bildungseinrichtungen aus. Organisationen mit vielen bezahlten Beschäftigten und höherem Budget kooperieren wesentlich häufiger mit öffentlichen Partnern als rein von ehrenamtlichem Engagement getragene gemeinnützige Organisationen. Dabei sind gerade Letztere wichtige Orte des informellen und non-formalen Lernens, zum Beispiel Kultur- oder Sportvereine, die meist allen Alters- und Herkunftsgruppen offenstehen.

Wenig Vereine in Bildungslandschaften
Gemeinnützige Organisationen wirken vor allem vor Ort in den Kommunen. Hier erreichen sie die Menschen mit ihren Angeboten. Als politisches Konzept sollen kommunale Bildungslandschaften als Netzwerke lokale Bildungsakteure zusammenbringen, um deren Handeln zu koordinieren. Sie sollen dazu beitragen, Bildung zum kommunalpolitischen Querschnittsthema zu machen – einschließlich des lebenslangen Lernens. In der Literatur werden als zivilgesellschaftliche Akteure in kommunalen Bildungslandschaften bisher jedoch fast ausschließlich Stiftungen betrachtet. Unsere Daten bestätigen dieses Bild: Nur durchschnittlich 30 Prozent der gemeinnützigen Organisationen kennen das Konzept der kommunalen Bildungslandschaften. Lediglich zehn Prozent sind in eine solche involviert. Auch hier sind rein ehrenamtlich arbeitende Organisationen weniger vertreten. Dies widerspricht dem Anspruch der kommunalen Bildungslandschaften, lebenslanges Lernen vor Ort zu fördern.

Fallbeispiel
Der Computer Club Nürnberg 50 plus e.V. möchte älteren Menschen die digitale Welt näherbringen. Unter dem Motto "Ältere helfen Älteren" unterstützen mehr als 80 ehrenamtlich Engagierte andere Menschen ihrer Generation beim Umgang mit digitalen Technologien. So werden Erfahrungen ausgetauscht und Wissen weitergegeben.

Potenziale des lebenslangen Lernens nutzen

Obwohl sich fast die Hälfte der gemeinnützigen Organisationen auf die eine oder andere Art und Weise im Bildungsbereich engagiert und sich ihre Angebote des lebenslangen Lernens häufig an alle Alters- und Herkunftsgruppen richten, werden sie von öffentlichen Akteuren wenig als Bildungsakteure wahrgenommen. Dadurch geht wertvolles Potenzial verloren. Die Rahmenbedingungen für das lokale Bildungsengagement der gemeinnützigen Organisationen müssen daher verbessert werden, um dieses Potenzial besser zu nutzen.

  • Kommunen sollten Bildungslandschaften stärker als bisher sektorenübergreifend gestalten. Dabei sind auch rein ehrenamtlich arbeitende Organisationen einzubinden. Dies bringt Mehrwert für alle gesellschaftlichen Akteure, auch für gemeinnützige Organisationen: Sie können durch mehr Vernetzung leichter neue Mitglieder und Ehrenamtliche gewinnen.
  • Das Bildungsengagement gemeinnütziger Organisationen muss in die kommunale Bildungsberichterstattung aufgenommen werden, um es als Teil der Bildungslandschaften besser zu verankern und damit auch stärker anzuerkennen.
  • Es bedarf weiterer Forschung zur Rolle der Zivilgesellschaft im Bereich des lebenslangen Lernens. Insbesondere der Beitrag von Vereinen und gemeinnützigen GmbHs wurde bisher wenig erforscht. Diese Forschungsvorhaben müssen stärker finanziell und ideell gefördert werden.

Veröffentlicht im September 2018
Redaktion: Jana Priemer, Veronika Mohr

Kontakt

Jana Priemer

ist Leiterin des Bereichs Organisierte Zivilgesellschaft.

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